- Patrick Aulehla

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Volvo EX90 (2026) im Test: Ist das fünf Meter Elektro-SUV der neue Liebling der Chefetage?
Der Volvo EX90 ist primär für Firmenkunden gemacht. Das fünf Meter Elektro-SUV spricht primär die Chefetage an - nicht zuletzt aufgrund des Basispreises von 84.100 Euro. Wir haben getestet, wo die Stärken des EX90 liegen - und mit welchen Schwächen man leben muss.
Text: Patrick Aulehla | Fotos: Oliver Hirtenfelder
Die Beschaffungsobergrenze für den nächsten Dienstwagen muss durchaus luftig gestaltet sein, um den Volvo EX90 in die engere Auswahl nehmen zu können. Mit einem Einstiegspreis von 84.100 Euro ist das fünf Meter SUV nämlich alles andere als günstig - ohne Rabatte fällt man bereits mit der Basisvariante aus dem Vorsteuer-Abzug für Elektroautos, und das betrifft bekanntlich nicht nur die Anschaffungskosten (oder die Leasingrate), sondern auch die laufenden Kosten. Insofern ist der Volvo EX90 ein User-Chooser-Dienstwagen, und als solcher muss er sich mit klaren Argumenten von seinen Mitbewerbern abgrenzen.
Außergewöhnlicher Fahrkomfort
Die Paradedisziplin des Volvo EX90 ist der Fahrkomfort. Das optionale Luftfahrwerk unseres Testwagens (Kostenpunkt: 2.270 Euro) bügelt Straßen und Bodenwellen glatt, man schwebt gewissermaßen durch den Alltag, und das ist eine Wohltat im tendenziell stressigen Chef-Leben. Andererseits ist dem EX90 flottes Fahren durch Kurven nicht in die Wiege gelegt. Während längsdynamisch dank 456 PS Maximalleistung (Twin Motor) freilich einiges weitergeht, werden einem die rund 2,8 Tonnen Leergewicht, die gut zwei Meter Breite ohne Spiegel und die über fünf Meter Länge sehr schnell bewusst, wenn man durch eine enge Kurve muss.

Ebenfalls außergewöhnlich gut schlägt sich der Volvo EX90 beim Geräuschkomfort. Um es abzukürzen: Alles, was draußen ist, bleibt draußen, auch bei Autobahntempo. Mit dem Schließen der Türen tritt man in einen von der Außenwelt abgekoppelten Raum ein, in dem man sich auch bei Höchstgeschwindigkeit noch flüsternd unterhalten kann, in dem der Nachwuchs beim Beschleunigen nicht von einem heulenden Motor aufgeweckt wird, in dem das Gehirn entspannen kann, wenn es nicht gerade von einem sich einrenkenden Hartplastikteil gekitzelt wird, was glücklicherweise selten, aber leider nicht nie vorkommt.
Verbrauch zu hoch, Laden geht schnell
Beim Verbrauch zeigt sich der Volvo EX90 dann weniger vorbildlich, was angesichts seines Gewichts und seiner Abmessungen irgendwo klar ist. Den WLTP-Verbrauch von 19,5 kWh pro 100 Kilometer wird man im echten Leben nicht erreichen - wir haben es im besten Fall auf 25 kWh pro 100 Kilometer gebracht. Hier waren Autobahn-Kilometer allerdings die Ausnahme. Der Langzeit-Verbrauchswert unseres Testwagens (4.675 Kilometer Strecke) lag mit 31 kWh pro 100 Kilometer deutlich über der Werksangabe. Dank der gewaltigen 111 kWh Batterie (netto nutzbar: 107 kWh) kommt man so auf eine Realreichweite zwischen 428 (25 kWh/100 km) und 345 Kilometer (31 kWh/100 km). Fährt man den EX90 im optimalen Betriebsfenster (also zwischen 10 und 80 Prozent Batterieladung), kommt man zwischen 300 und 241 Kilometer weit.

Wer weit reist, wird sich einerseits an außergewöhnlichem Fahrkomfort erfreuen, andererseits aber häufig zu Pausen gezwungen. Dass das Laden dank 350 kW maximaler Ladeleistung aus dem neuen 800-Volt-Bordnetz schnell erledigt ist (10 auf 80 Prozent in 22 Minuten), entschädigt durchaus, wenngleich nicht alle: Als ergebnisorientierte Autobahn-Vielfahrer wird keine Freude haben, wenn man alle 250 Kilometer an den Stecker muss.
Bedienkonzept gewöhnungsbedürftig
Dass die Bedienung des EX90 ausschließlich über den zentralen Touchscreen und die Lenkradtasten erfolgt, ist für Volvo-Neueinsteiger gewöhnungsbedürftig. Beispiel Spiegeleinstellung: Hier muss zuerst das entsprechende Untermenü im Zentraldisplay geöffnet werden, danach kann man die Spiegel per Lenkradtasten verstellen. Man könnte nun argumentieren, dass man diese Einstellungen ohnehin nur einmal braucht. Das trifft im Falle dieses Fahrzeugs aber aus zwei Gründen nicht zu.
Grund Nummer eins: Der EX90 verfügt über keine Spiegel-Absenkautomatik. Wer die Felgen beim Einparken also genau beobachten möchte, um teure Schäden zu vermeiden, muss den Spiegel mit den obigen Schritten manuell absenken. Das kann recht stressig werden, wenn sich hinter dem Fahrzeug der halbe Bezirk zusammenstaut. Grund Nummer zwei: Der EX90 hat zwar eine 360-Grad-Kamera, schattiert aber den Nahbereich rund um das Fahrzeug. Wie nah oder weit man mit dem Fahrzeug vom Randstein entfernt ist, kann man deshalb nicht einschätzen.

Übrigens: Auch das Ein- und Ausklappen der Spiegel erfolgt ausschließlich über den Touchscreen - bei engen Garageneinfahrten muss man also wieder ins Untermenü. Sobald die Parksensoren ein Hindernis erkennen, springt die 360-Grad-Kamera an und überlagert das Spiegelmenü. Also P ins Getriebe, nochmal ins Spiegelmenü klicken und einklappen. Das ist kein Beinbruch, aber auf Dauer nervig. Genauso wie die nicht beleuchteten Lenkradtasten. Hier wäre ein Software-Update dringend wünschenswert.
Innenraum: Viel Platz und Komfort
Großzügig zeigt sich der EX90 im Innenraum: Hier herrschen fürstliche Platzverhältnisse, weil der große Schwede serienmäßig als Sechssitzer ausgeführt ist. Die Passagiere in der zweiten Reihe freuen sich also über zwei Einzelsitze und jede Menge Fußraum. Die dritte Reihe ist Kindern vorbehalten - für Erwachsene taugt sie nur als Notlösung.

Außerordentlichen Komfort bieten die Vordersitze, die dank vielfältiger Einstellungsmöglichkeiten an nahezu jede Köperform angepasst werden können. Neben Höhe und Neigung können auch die Sitzwangen und die Sitzflächenlänge verstellt werden, zudem sind die Sitze mit Heiz-, Kühl- und Massagefunktion ausgerüstet. Ebenfalls sehr gut fanden wir das Bowers & Wilkins Premium Soundsystem (Kostenpunkt: 3.480 Euro). Es überzeugt mit kristallklarem Klang bis in unerträgliche Lautstärke-Regionen und wertet die Kabine mit Lautsprecherabdeckungen aus Metall zusätzlich auf. Dass anderorts auf sprödes Plastik gesetzt wird (beispielsweise bei den "Chrom"-Umrandungen der Zierleisten), konnten wir nicht ganz nachvollziehen.
Sicherheit auf Top-Niveau
Wie für einen Volvo üblich verfügt auch der EX90 über ein großes Angebot an Sicherheits- und Assistenzsystemen. Zwar wurde das Lidar mit dem kürzlich erfolgten Modellupdate wieder gestrichen. Dafür hat Volvo seinem Flaggschiff eine neue Prozessoreinheit spendiert, die dank höherer Reichenleistung die Fahrerassistenz verbessern soll. Fünf Sterne im Euro NCAP Crashtest sind Ehrensache. Was wir überraschend fanden: Der Spurhalteassistent lässt sich zwar deaktivieren, schreitet aber trotzdem ein. Das kann nerven, wenn man zugunsten der Idealline an den Fahrbahnrand heranfahren möchte.

Fazit zum Volvo EX90
Auf der Habenseite stehen ein außergewöhnlicher Fahr- und Geräuschkomfort, ein großzügiges Platzangebot mit hervorragenden Vordersitzen, ein erstklassiges Soundsystem und das gewohnt hohe Volvo-Sicherheitsniveau. Wer den großen Schweden als rollendes Wohnzimmer begreift, wird ihn lieben – besonders auf der Langstrecke, sofern man die durch den hohen Realverbrauch erzwungenen Ladepausen einkalkuliert. Diese fallen dank 800-Volt-Technik immerhin sehr kurz aus.
Auf der Sollseite stehen vor allem das gewöhnungsbedürftige Bedienkonzept und einige Detaillösungen, die im Alltag etwas nerven: Die fehlende Spiegel-Absenkautomatik, die abgeschattete 360-Grad-Kamera im Nahbereich, das umständliche Spiegel-Einklappen über den Touchscreen und der Spurhalteassistent, der auch im deaktivierten Zustand mitredet. Vieles davon ließe sich per Software-Update beheben, und genau das wäre wünschenswert, denn die Hardware-Basis ist beeindruckend. Wer den Basispreis von 84.100 Euro stemmen kann und den Vorsteuer-Abzug ohnehin abgeschrieben hat, bekommt einen souveränen Reisewagen mit klarem Komfortfokus. Sportliche oder Spar-Ambitionen sollte man allerdings woanders ausleben.
Volvo EX90 Ultra Twin Motor (2026): Technische Daten, Österreich-Preis, Leistung, Gewicht, Verbrauch, Reichweite
Testwagenpreis: € 111.390,00 brutto
Einstiegspreis: € 84.100,00 brutto
Bestellbar: ab sofort (Konfigurator)
Maximale Leistung: 335 kW/456 PS
Drehmoment: 670 Nm
0-100 km/h: 5,5 Sekunden
Vmax: 180 km/h
Batteriekapazität: 106 kWh brutto/103 kWh netto
Energieverbrauch konfigurationsspezifisch (WLTP): 22,8 kWh/100 km
Energieverbrauch Realtest: 25 kWh (Ortsgebiet, Landstraße), 30+ kWh (Autobahn)
Reichweite konfigurationsspezifisch (WLTP): 512 km
Reichweite im Test: 345 - 428 km
Ladung (Werksangabe): 11 kW AC | 350 kW DC (10-80%: 22 min)
Leergewicht: 2.765 kg
Höchstzulässiges Gesamtgewicht: 3.340 kg
Anhängelast gebremst/ungebremst: 2.200 kg/750 kg
Kofferraumvolumen VDA: 324/697/2.135 Liter
Länge/Breite o.S./Höhe: 5.037/1.964/1.744 mm
Stützlast: 100 kg

















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