Hyundai Ioniq 6 N im Test: Strom frei - mit Getriebe und Leistungskurve
650 PS, 3,3 Sekunden auf Hundert und ein Getriebe, das es gar nicht gibt: Der Hyundai Ioniq 6 N bringt dem Elektroauto bei, sich wie ein Verbrenner anzufühlen, und bleibt trotzdem ein komfortables Elektroauto mit 400 Kilometern Alltagsreichweite. Kostenpunkt: derzeit ab 66.990 Euro.
Text: Patrick Aulehla | Fotos: Oliver Hirtenfelder
Das Wichtigste zum Hyundai Ioniq 6 N in Kürze
Was er ist: Ein 650 PS starker Elektrosportler mit simuliertem 8-Gang-Getriebe, Leistungskurve und Begrenzer – und zugleich ein komfortables, alltagstaugliches Elektroauto mit sehr hoher Ladegeschwindigkeit. Fahrspaß nach Verbrenner-Rezept, ohne Verbrenner.
Abmessungen: Der Ioniq 6 N misst 4,94 Meter in der Länge und kommt auf 2,97 Meter Radstand. Der Kofferraum fasst 371 Liter; die Rückbank lässt sich umlegen, ergibt wegen der schmalen Durchreiche aber keinen vollwertigen Laderaum.
Antrieb und Fahrleistungen: 650 PS und 770 Nm, Allradantrieb mit frei wählbarer Kraftverteilung, 0–100 km/h in 3,3 Sekunden, Höchstgeschwindigkeit 257 km/h. Leergewicht: 2.241 Kilogramm.
Batterie und Laden: 84 kWh, 487 Kilometer WLTP-Reichweite, WLTP-Verbrauch 18,7 kWh pro 100 Kilometer. An einer 350-kW-Ladesäule in 18 Minuten von 10 auf 80 Prozent.
Preis in Österreich: 66.990 Euro – neben Hyundai Ioniq 5 N das preiswerteste 650 PS Auto am Markt.
Stärken: Fahrspaß und Interaktion dank simuliertem Getriebe, enorme Leistung bei ziviler Reichweite und zivilem Verbrauch, Spitzenladeleistung, Verarbeitung und Materialien, Infotainment und Konnektivität, Platz im Fond, Preis-Leistung.
Schwächen: Kleiner Kofferraum und schmale Durchreiche, übereifrige Warn- und Aufmerksamkeitssysteme, braucht mit fast fünf Meter Länge viel Platz beim Parken.
Mit dem Ioniq 5 N hat Hyundai das Elektroauto zum Verbrenner zurückentwickelt - dort, wo es aus emotionaler Sicht Sinn macht. Auf Wunsch gibt es statt zugkraftfreier Elektro-Beschleunigung nämlich auch ein simuliertes 8-Gang-Getriebe samt Motorbremswirkung, Leistungskurve und Begrenzer. Der Hyundai Ioniq 6 N schlägt genau in dieselbe Kerbe, ist aufgrund seiner Form aber noch einen Tick fahrdynamischer. So viel vorneweg.
Eine Sache muss man diesem Auto unbedingt vorausschicken: Wie gut das Rezept ist, das sich Hyundai für seine Elektrosportler Ioniq 5 N und Ioniq 6 N ausgedacht hat, kann man daran ablesen, dass auch Porsche im aktuellen Taycan ein simuliertes 8-Gang-Automatikgetriebe mit Zugkraftunterbrechung, akustischer Rückmeldung und Drehmomentkurve einbaut. Dafür stand der Hyundai Ioniq 5 N - der praktische Gefährte des Ioniq 6 N - Modell. Der fährt nämlich schon seit Anfang 2024 schaltend auf Österreichs Straßen herum. Die N-Leute haben wohl eine Falsche Champus aufgemacht.

Fahrspaß ist Imperfektion
Aus objektiver Sicht stellt sich natürlich die Frage, warum man einen Sportwagen überhaupt künstlich verlangsamen muss, um ihn besser zu machen. Turbo-Lag, Zugkraftunterbrechung und Haltbarkeit wurden jahrzehntelang bekämpft, per variabler Turbogeometrie, Ventilverstellung, Doppelkupplungsgetriebe und Co. Und jetzt, wo das Elektroauto all diese Imperfektionen vom Tisch wischt, blickt die Neigungsgruppe Vollgas wehmütig in die Vergangenheit zurück.
Der Grund dafür ist simpel: Der Mensch möchte steuern, interagieren und entscheiden. Wenn man wie ein Gummiband von Kurve zu Kurve geschossen und von möglichst viel Verantwortung entbunden wird, fühlt man sich überflüssig. Und wenn nicht irgendetwas knallt, pfaucht und poltert, bald auch gelangweilt. Das ist halt einfach so.
Andererseits bringt so viel Leistung auch Bürden mit sich. Man kann dieses Auto nie länger als zwei Sekunden ausfahren, außer man steht. Am Ortsende bei 60 einfach mal zehn Sekunden drauf bleiben, weil man es wissen will, endet im blödesten Fall mit der Beschlagnahmung des Fahrzeugs. Da fährt man schon weit über 200 km/h. Bis 100 km/h vergeht die Zeit überhaupt so schnell, dass man es besser nicht zum ersten Mal erlebt. Sonst wird man sich erschrecken.

Elektroauto mit Knalleffekt
Im Falle des Hyundai Ioniq 6 N bekommt man gewissermaßen das Beste aus beiden Welten. Zum einen ein zuverlässiges und komfortables Elektroauto, das dank 84 kWh fassender Batterie 487 Kilometer WLTP-Reichweite bietet, mit einem WLTP-Durchschnittsverbrauch von 18,7 kWh nicht über die Stränge schlägt und an einer 350 kW Ladestation in 18 Minuten von 10 auf 80 Prozent laden kann. Wenn man den Hyundai Ioniq 6 N das sein lässt, was er größtenteils ist - ein Elektroauto - wird man von seinen 650 PS Maximalleistung und 770 Nm Drehmoment keine Notiz nehmen.
Wenn man den Ioniq 6 N allerdings anstachelt, also per N-Modus scharf stellt, werden Verbrauch und Reichweite unterpriorisiert - dann geht es darum, in 3,3 Sekunden von Null auf Hundert zu beschleunigen und erst bei 257 km/h in den Begrenzer zu laufen. Die 2.241 Kilogramm Leergewicht kann der Ioniq 6 N dabei gut kaschieren - der Grip reißt dank Allradantrieb, breiter Bereifung und tollem Fahrwerk erst in Sphären ab, in die man sich auf öffentlichen Straßen ohnehin nicht begeben sollte.

Wer das simulierte 8-Gang-Getriebe aktiviert, weiß im ersten Moment gar nicht, wie ihm geschieht: Das Motor-Mapping, die Schaltvorgänge, der künstliche Begrenzer - das ist keine Spielerei, sondern eine gewaltige Leistung der Entwickler. Das elektronische Imitat ist überraschend nahe am Original - viel näher, als man es vor dem Erstkontakt glauben würde.
Platz für die kleine Reise
Abseits der fahrdynamischen Talente hat der Hyundai Ioniq 6 N auch sonst viel Positives zu vermelden. Einerseits modernes, größtenteils unkompliziertes Infotainment. Dazu hohe Verarbeitungsqualität und tolle Materialauswahl. Konnektivität auf Höhe der Zeit. Weniger ansprechend fanden wir die Vorsicht, mit der alle neuen Hyundais zu Werke gehen: Kaum ist der Drive eingelegt, ertönen bereits allerlei Warnsignale, die uns die Gefahren des Straßenverkehrs vor Augen führen oder uns zu besserer Konzentration erziehen. Dass die Aufmerksamkeitswarnung just immer dann anspringt, wenn man am Touchscreen dreimal neben eine viel zu kleine Kachel drückt, offenbart den Zielkonflikt, der alle modernen Autos verbindet.
In praktischer Hinsicht bleiben dem Ioniq 6 N aufgrund seiner Form nicht viele Trümpfe. Der Kofferraum des 4,94 Meter langen Koreaners fasst gerade einmal 371 Liter, die Rückbank kann zwar umgelegt werden, ist aufgrund der schmalen Durchreiche aber kein vollwertiger Laderaum. Immerhin fällt das Platzangebot auf den Rücksitzen ordentlich aus - kein Wunder bei 2,97 Meter Radstand.

Fazit: 650 PS Sportler mit Alltagsqualitäten
Eine Aussage, die wir garantiert treffen können: Wer 650 PS für unter 70.000 Euro fahren möchte, kommt an Hyundai nicht vorbei. Der Ioniq 6 N steht derzeit für 66.990 Euro im Angebot - dafür bekommt man ein irrsinnig schnelles Auto, das hinsichtlich Komfort und Alltagstauglichkeit kaum Kompromisse auferlegt und in Sachen Ladegeschwindigkeit zu den Besten seines Fachs zählt. In Sachen Fahrspaß ist der Ioniq 6 N ohnehin eine ganz eigene Nummer.
Hyundai Ioniq 6 N (2026): Technische Daten, Österreich-Preis, Verbrauch, Abmessungen
Testwagenpreis: € 70.760,00 brutto
Einstiegspreis: € 66.990,00 brutto
Bestellbar: ab sofort (Konfigurator)
Motor: Elektro
Maximale Motorleistung: 478 kW/650 PS
Drehmoment: 770 Nm
Getriebe: Automatik/simuliertes 8-Gang-Doppelkupplungsgetriebe
Antrieb: Allrad
0–100 km/h: 3,3 sek
Höchstgeschwindigkeit: 257 km/h
Verbrauch (WLTP): 18,7 kWh/100 km
Realverbrauch im Test: 22,5 kWh/100 km
CO₂-Emission (WLTP): 0 Gramm/km
Leergewicht: 2.241 kg
Abmessungen L/B o.S./H: 4.935/1.940/1.495 mm
Radstand: 2.965 mm
Kofferraumvolumen (VDA): 371 Liter
Neuwagen-Garantie: 5 Jahre ohne Kilometerbegrenzung
Batterie-Garantie: 8 Jahre/160.000 km




Kommentare